Die Textilindustrie auf dem Weg zur Nachhaltigkeit - das Beispiel Lenzing

Viele grüne Investments konzentrieren sich heute auf Unternehmen und Sektoren, die hinsichtlich ihrer Scope-1- und Scope-2-Emissionen kohlenstoffeffizient sind. Das bedeutet, dass ihre direkten und indirekten Emissionen bei der Herstellung ihrer Produkte und/oder Dienstleistungen berücksichtigt werden. Die dafür notwendigen Daten sind heute relativ leicht messbar und breit verfügbar. Entscheidend für die Klimabilanz eines Unternehmens sind aber auch die Scope-3-Emissionen. Diese stehen jedoch - wie Scope 2 - in einem indirekten Zusammenhang mit den Aktivitäten des Unternehmens. Ein Beispiel ist der Arbeitsweg der Mitarbeiter. Scope-3-Emissionen sind bisher nur schwer mess- und erfassbar. Bei Textilunternehmen fallen jedoch ca. 90% der Emissionen unter Scope 3, davon wiederum 25-30% der Emissionen durch Rohstoffe. Wie können hier Fortschritte erzielt werden? Das Praxisbeispiel Lenzing zeigt, welche Strategien und Prozesse in der Beschaffung möglich sind:
Lenzing produziert Textilfasern und Zellstoffrohstoffe. Die Fasern werden vor allem in der Bekleidungsindustrie und zur Herstellung von Vliesstoffen, technischen Textilien, Heimtextilien, Vorhängen und Handtüchern verwendet. Die nachhaltigen Faserprodukte des Unternehmens ermöglichen den Kunden Emissionsreduktionen und Wassereinsparungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Reduktionsziel Kohlendioxid-Emissionen
Das Unternehmen hat sich für 2019 ein wissenschaftsbasiertes Reduktionsziel für CO2-Emissionen gesetzt. Die Umsetzung dieses Ziels erfordert die Zusammenarbeit des gesamten Unternehmens und die Integration von klimabezogenen Überlegungen in alle Funktionen. Dazu gehören Gespräche mit dem Einkauf und die Zusammenarbeit mit Investor Relations, um zu verstehen, wie Investoren denken. Das Unternehmen sucht auch nach Möglichkeiten, seine Kunden zu unterstützen und ihnen zu helfen, ihre eigenen wissensbasierten Ziele zu erreichen. Für klimaneutrale Produkte gibt es interne Kriterien, die erfüllt werden müssen (z.B. Emissionen unter einem bestimmten Schwellenwert, 100 % erneuerbarer Strom am Standort usw.). Lenzing will damit einen internen Wettbewerb und einen Verbesserungsimpuls für jene Produkte schaffen, die sich für dieses Produktportfolio qualifizieren.
Derzeit stellt Lenzing ein steigendes Interesse und einen positiven Trend für seine klimaneutralen Fasern fest. Unternehmen, mit denen Lenzing zusammenarbeitet, können eine Lizenz für die Verwendung von Handelsmarken (wie z.B. das Tencel-Logo) beantragen. Die Unternehmen sehen dies als Vorteil, da die Marke beim Endverbraucher immer bekannter wird und der Endverbraucher weiß, wofür Tencel steht. Im Bereich der vermiedenen Emissionen (Scope 4) werden entsprechende Angaben genutzt, um Markenprodukte zu positionieren und zu verkaufen. Ecovero zum Beispiel gibt einen um 20 % geringeren CO₂-Ausstoß im Vergleich zu herkömmlicher Viskose am Markt an. Lenzing berechnet dies für alle Markenprodukte, für die eine Baseline verfügbar ist, hat die vermiedenen Emissionen jedoch nicht auf Konzernebene quantifiziert. Lenzing verkauft sein Produkt an eine Spinnerei, die daraus Garn herstellt. Die Verkaufsgespräche finden jedoch mit den Markenunternehmen statt, d.h. Lenzing geht auf die Unternehmen zu und kommuniziert die Vorteile, die sie durch die Verwendung von Lenzing Fasern erzielen würden. Die Ökobilanz wird als Entscheidungshilfe eingesetzt. Sie kann z.B. bei der Auswahl von Lieferanten verwendet werden, da diese den endgültigen Fußabdruck des Produkts beeinflussen. Eine Ökobilanz kann auch langfristige Lieferantenbeziehungen beeinflussen.