Fallstudie: Engagement für eine wissenschaftsbasierte Netto-Null-Zielsetzung am Beispiel von Air Liquide
Air Liquide hat sich verpflichtet, seine absoluten Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2035 um 33 Prozent zu reduzieren und bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen.

2015 wurde die Science Based Targets initiative (SBTi) gegründet, um Unternehmen dabei zu helfen, sich realistische und wirkungsvolle Ziele bei der Emissionsminderung zu setzen, mit denen die schlimmsten Folgen des Klimawandels verhindert werden können. Diese Ziele gelten als wissenschaftsbasiert, wenn sie den derzeitigen Erkenntnissen der Klimaforschung und dem Pariser Klimaabkommen entsprechen, das die globale Erwärmung auf 1,5 Grad gegenüber den vorindustriellen Werten begrenzen will.
Der in Paris ansässige Konzern, Air Liquide, produziert, vermarktet und verkauft weltweit Industriegase, darunter Flüssigstickstoff, Argon, Kohlendioxid und Sauerstoff und zählt zu den weltweit führenden Unternehmen für Industrie, Medizin und Umweltschutz. Im Rahmen einer ersten Analyse wurde der beträchtliche Kohlenstoff-Fußabdruck als Risikofaktor eingestuft. Dies veranlasste das DNB Renewable Energy-Team, Air Liquide mit Blick auf unser Engagement für eine wissenschaftsbasierte Netto-Null-Zielsetzung Priorität einzuräumen.
Wir trafen uns mit dem Unternehmen bereits im November 2021 sowie im Mai 2022. Aus den Gesprächen und den zusätzlichen schriftlichen Antworten konnten wir uns ein erstes Bild über die CO₂-Emissionen und die Ziele einer Reduzierung verschaffen:
→ Air Liquide hat sich verpflichtet, seine absoluten Scope-1- und Scope-2-Kohlenstoffemissionen bis 2035 um 33 Prozent zu reduzieren und bis 2050 das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Es umfasst nicht nur CO₂, sondern sämtliche Treibhausgase. Die Science Based Targets Initiative zertifizierte das Ziel für 2035 als deutlich unter 2 Grad Celsius liegend. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es derzeit kein spezifisches Regelwerk für Industriegase gibt. Air Liquide ist jedoch in der Arbeitsgruppe vertreten, die die SBTi bei der Entwicklung einer solchen Struktur unterstützt.
→ Das Management hat erkannt, dass ein signifikanter Anteil an erneuerbaren Energien notwendig ist, um seine Scope-2-Emissionen zu reduzieren. Diese müssen gleichermaßen verfügbar, zugänglich und erschwinglich sein. Aufgrund seiner Marktposition als großer Energieverbraucher unterzeichnet Air Liquide Stromabnahmeverträge und ermöglicht in bestimmten Fällen die Entwicklung von Großprojekten im Bereich der erneuerbaren Energien. Ferner bietet die Gesellschaft den Herstellern von erneuerbaren Energien Visibilität, da es häufig Verträge mit einer Laufzeit von 15 Jahren abschließt, um die Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien zu garantieren. Air Liquide steht aktuell in Verhandlungen hinsichtlich eines Großauftrags in Südafrika (600 GW, wird auf 900 MW erweitert). Dafür müssen nicht zuletzt die politischen Rahmenbedingungen stimmen, zu denen neben der Steuergestaltung auch Fördermaßnahmen und die Beteiligung der Regierung zählen. Air Liquide erwägt ferner ein Kohlenstoffbudget pro Region, um beurteilen zu können, wie viele Emissionen es sich in jeder Region leisten kann.